Seebach

Paul Vogt

 

Paul Vogt

Ein Nach-Wort, das am Seebacher Wege liegt 

«Wenn dein Kind dich morgen fragt» (5. Mose (i, 20), was uns im Leben wichtig war, weitergebracht und getragen hat, dann werden wir zuerst wohl Menschen nennen. Das sind vor allem die Eltern und Grosseltern, die Geschwister und Freunde, aber auch die Lehrer. Sie alle haben uns mehr geprägt, als uns oft bewusst und manchmal auch lieb ist.

Meinem Kind kann ich auch erzählen, dass ich mir selbst im Laufe der Jahre einen Lehrer - ein Vorbild - ausgesucht habe, bei dem ich erkennen konnte, dass sein Reden mit seinem alltäglichen Leben übereinstimmt, auch eingedenk all der Fehler und Schwächen, die er hat. Bei einem selbst ausgewählten Lehrer geht es nicht zuerst um dessen vielleicht sehr grosses Wissen und Denken, sondern vor allem darum, wofür er einsteht und - auch zu seinem Nachteil - etwas mutig riskiert. Bei ihm kann ich erkennen, was er um der Menschen willen liebt und verachtet.

In unserer Markuskirche haben wir uns zweier solcher Lehrer anlässlich ihres 100. Geburtstages im Jahre 2000 und 2006 erinnert und sie mit einem grossen Fest als Vorbilder unserer Gemeinde gewürdigt:

Paul Vogt (1900—1984) wirkte von 1936 bis 1943 als Pfarrer in Zürich-Seebach. In diesen Jahren war er wegen seines grossen persönlichen und unermüdlichen Einsatzes für Verfolgte des Naziregimes - vor allem für jüdische Flüchtlinge — nicht unangefochten. Den kritischen Stimmen jener Zeit, in der Juden um ihr Überleben zu kämpfen hatten, hielt er entgegen: «Jede Barmherzigkeit ist eiskalt und stahlhart, bei der man das Seufzen und Stöhnen heraushört: Wir müssen! Wir müssen! Jetzt müssen wir wieder sammeln. Jetzt müssen wir wieder geben. Jetzt müssen wir wieder einen Fremdling aufnehmen. Jetzt müssen wir wieder opfern. An der Mussbarmherzigkeit und an der Mussliebe stirbt das Christentum und geht die Kirche zugrunde.»

Der World Jewish Congress würdigte Paul Vogt am 11. Mai 2000 mit den Worten: «Das grossartige Wirken des Flüchtlingspfarrers während der grauenhaften Zeit des Krieges und der Judenverfolgungen ist unvergessen.»

Er hatte sich auch - leider vergeblich, eine Tragödie - für den Liederdichter unseres reformierten Gesangbuches in der Schweiz, für Jochen Klepper, eingesetzt.

 

 

 

Bonhoeffer  

 

Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer (1906—1945) war als Pfarrer der «Bekennenden Kirche» in Deutschland ein entschiedener Gegner des Naziregimes und am Attentat gegen Adolf Hitler beteiligt.
Seiner oft schweigsamen Kirche angesichts des Nazi-Terrors hielt er entgegen, dass sie «nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen» habe. Am 9. April 1945 wurde er von NS-Schergen im KZ Flossenbürg grausam hingerichtet. Sein Name ist heute eingezeichnet im «Märtyrer-Buch» der Ökumene, der Weltkirche.
Und Christen in aller Welt wissen heute mit seinem Gebet, was es heisst, «von guten Mächten wunderbar geborgen» zu sein.
Für Dietrich Bonhoeffer war 1944 im Gefängnis klar geworden, dass unsere Kirche «die Bedeutung des menschlichen <Vorbildes> nicht unterschätzen» dürfe, denn «nicht durch Begriffe, sondern durch <Vorbild> bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft». Das meint auch: Die Person beglaubigt die Sache.
Die «Bausteine» der 150-jährigen Geschichte der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zürich Seebach bestehen demnach auch aus Fleisch und Blut und haben darum bis heute Spuren in unseren Köpfen und Herzen hinterlassen. Mit diesen «Bausteinen» ist unserer Gemeinde eine Tradition geschenkt und vorgegeben worden, mit der wir nicht wissen, was morgen kommt, aber wir dürfen mit ihr wissen, wo unser Herz seinen rechten Fleck behält.

«Si saxa loquantur»: «Wenn Steine reden könnten», dann würden sie dem Kind auf seinem zukünftigen Weg auch sagen: «Wenn du weisst, wo du herkommst, dann weisst du auch, wo du hin willst!»

Rolf-Joachim Erler
Pfarrer in Zürich-Seebach von 1987 bis 2014

 

 

 

Heinrich Hellstern

 

Heinrich Hellstern

Während Pfarrer Vogt im Flüchtlingspfarramt eine Freiplatzaktion für jüdische Flüchtlinge aufbaute, suchte und fand die Kirchgemeinde Seebach mit Pfarrer Heinrich Hellstern einen Nachfolger für die 2. Pfarrstelle. Der 1943 eingesetzte neue Pfarrer wurde im Herbst 1945 vom Evangelischen Kirchenbund als Sekretär für die kirchliche Nachkriegshilfe angeworben‚ auf Antrag des Kirchenrates für ein Jahr von seinem Dienst in Seebach beurlaubt und durch einen Vikar ersetzt. Aus der von Pfarrer Hellstern aufgebauten Organisation ging 1946 das «Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz» (HEKS) hervor. Dort wurde seine Mitarbeit weiterhin benötigt.

So kam es in Seebach 1946 zur Rochade: Die zweite Pfarrstelle wurde neu besetzt, während Pfarrer Hellstern auf eine für ihn geschaffene Pfarrhelferstelle wechselte, aber umgehend für ein weiteres Jahr beurlaubt wurde. Wie schon Paul Vogt musste Seebach schliesslich auch Heinrich Hellstern ziehen lassen. 1950 demissionierte er als Pfarrhelfer und widmete sich vollamtlich dem HEKS, das er mit der 1961 geschaffenen Aktion «Brot für Brüder» (heute «brot für alle») zu einem weltumspannenden Hilfswerk für evangelische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ausbaute.

Die grenzüberschreitende Bereitschaft «zu opfern statt öpferlen», wie sich Pfarrer Vogt ausdrückte, machten ihn und seinen Nachfolger Hellstern zu Vorbildern in der Seebacher Kirchengeschichte.